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Bitteres Kino: Einführung zu Dr. Ma’s Country Clinic | Ma dai fu de zhen suo
Elena Meilicke

Sehr geehrte Damen und Herren,
um es gleich vorweg zu sagen: Sie werden die nächsten gut dreieinhalb Stunden fast ausschließlich einen einzigen Raum zu sehen bekommen. Einen kleinen Raum in der chinesischen Stadt Huangyangchuan, einen seltsam hybriden Raum, halb öffentlich, halb privat. Eine Arztpraxis, die zugleich als Bühne und Forum fungiert. Über zwei Jahre hat Regisseur Cong Feng in diesem Raum immer wieder seine Videokamera aufgestellt und dabei nicht nur den Arzt Ma Bingcheng bei der Arbeit gefilmt, sondern vor allem dessen bäuerliche Patienten beobachtet, bei der Visite, beim Warten und Reden. In langen Einstellungen zeichnet Cong Feng diese Gespräche in ihrer Gänze auf, registriert die Wiederholungen, die Abschweifungen und das langsame Ausfransen des Gesprächs-fadens. Es geht in diesen Gesprächen um den bäuerlichen Alltag, um Aussaat und Ernte, aber auch um wirtschaftliche Not und den Zwang zur Migration. Es geht um gekaufte Bräute, die von zu Hause fortlaufen, und um die Ohmacht gegenüber der Willkür und Unterdrückung durch Bosse und Parteikader.

Die Beschränkung auf einen einzigen Raum bestimmt die klare Struktur von „Dr. Ma’s Country Clinic“. Nur gelegentlich wandert die Kamera nach draußen und kontrastiert die Enge des Zimmers mit der Leere der kargen Landschaft, den Feldern und dem Wind. In der plötzlichen Stille und Weite erst entfaltet das zuvor verbalisierte Elend sein ganzes Gewicht. Die Provinz Gansu, in der die Stadt Huangyangchuan liegt, befindet sich im Nordwesten Chinas, sie ist dünn besiedelt und eine der ärmsten chinesischen Provinzen. Die meisten Menschen hier sind Bauern, die wie vor Jahrhunderten ihre Äcker mit Ochsen bestellen.

„Dr. Ma’s Country Clinic“ steht in der Tradition des unabhängigen chinesischen Dokumentarfilms seit 1989, für den das Direct Cinema und vor allem Frederick Wiseman als wichtige Einflüsse gelten. Unter weitgehendem Verzicht auf Kommentar und arrangierte Interviews, allein durch unaufdringliche Beobachtung schafft Cong Feng das Portrait einer bäuerlichen Gesellschaft. Dass die Bauern dabei namenlos bleiben und nicht in ihren Privaträumen, sondern im halböffentlichen Raum der Arztpraxis gefilmt werden, kann zum einen als das Einhalten einer respektvollen Distanz verstanden werden. Es erhöht aber auch die Repräsentativität der Protagonisten und suggeriert die Generalisierbarkeit ihrer Geschichten.

Von den 1,3 Milliarden Einwohnern Chinas sind rund 900 Millionen Bauern. Während der wirtschaftliche Aufschwung in den Metropolen im Osten, in Beijing, Shanghai oder Shenzhen für schwindelerregendes Wachstum und rasante Modernisierung sorgt, lebt ein Großteil der Landbevölkerung weiterhin unter schwierigsten wirtschaftlichen und auch politischen Bedingungen. In der Reportage „Die Lage der chinesischen Bauern“ aus dem Jahr 2004 haben die Autoren Chen Guidi und Wu Chuntao nachgezeichnet, wie sehr Ausbeutung, Willkür, Unterdrückung und Gewalt zum Alltag der Landbevölkerung gehören und sie haben darauf hingewiesen, wie wenig die meisten Städter von den Realitäten des bäuerlichen Lebens wissen. Diese zunehmende Kluft zwischen Stadt und Land und die desolate Lage der chinesischen Landbevölkerung sind laut Chen und Wu die momentan größte Herausforderung an die kommunistischen Machthaber.

Texte wie die eben genannte Reportage und Filme wie „Dr. Ma’s Country Clinic“ wollen die Lebensumstände der Bauern einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen und sie stellen dabei zwei weit verbreitete Vorstellungen zur Diskussion. Sie kratzen zum einen an Chinas Image als aufstrebende Weltmacht. Und zum anderen stellen sie die Frage, ob die kommunistische Revolution wirklich als glückliche Befreiung der chinesischen Bauern von Unterdrückung und Feudalherrschaft verstanden werden kann.

In „Dr. Ma’s Country Clinic“ blitzen in den Gesprächen der Bauern immer wieder Erinnerungen an die frühen Jahre der Volksrepublik auf, an die Volkskommune, die Produktionsbrigaden, an die von Parteikadern angeordneten Versammlungen, an Zwang und Hunger. Deutlich verweisen diese knappen, bruchstückhaften Anspielungen auf den Großen Sprung nach Vorne, jene Strategie, die durch Massenmobilisierung und eine radikale Kollektivierung der ländlichen Produktions- und Lebensumstände die Entwicklung Chinas vorantreiben wollte. Wenn einige Sinologen den Großen Sprung gar als Krieg gegen die Bauernschaft und ihre Traditionen bezeichnen, dann auch deshalb, weil der Große Sprung in einer absoluten Katastrophe endete. Der allgemeine Produktionswahn führte zu astronomischen Planzielen und völlig überhöhten staatlichen Getreiderequisitionen. In der Folge starben zwischen 1959 und 1961 bis zu 30 Millionen Menschen in einer der schlimmsten Hungersnöte des 20. Jahrhunderts. Natürlich waren diese Toten mehrheitlich Bauern und die Provinz Gansu, in der „Dr. Ma’s Country Clinic“ verortet ist, gehörte zu den mit am schwersten betroffenen Gebieten Chinas.

Die Bauern im Film stellen auf jeden Fall immer wieder eine direkte Verbindung her zwischen ihren gegenwärtigen körperlichen Gebrechen und der Vergangenheit. So setzt etwa eine Frau ihre Schmerzen im Bein in Beziehung zur Institution Volkskommune, in der sie gezwungen war, Barfuss schwerste körperliche Arbeit zu leisten. Doch auch wenn man informiert ist über diese historischen Hintergründe und Bescheid weiß über die schwierigen Umstände, unter denen die im Film gezeigten Generation aufgewachsen ist, ist man als Zuschauer vielleicht ein wenig verwundert über den nicht abschwellenden Chor von Klagen, Lamentos und Beschwerden, den Dr. Ma’s Patienten gemeinsam anstimmen – und diese Bemerkung ist keineswegs despektierlich gemeint, sondern entspringt einfach einer gewissen Irritation über den fast ritualisierten, formelhaften Charakter vieler Aussagen. Offensiv tragen die Bauern ihr Leid in die Halböffentlichkeit der Arztpraxis und überbieten sich dabei gegenseitig.

Ein wenig verständlicher wird diese Art des Klagens jedoch, wenn man sie als eine historisch und kulturell spezifische narrative Praxis in der Tradition des sogenannten „Speaking Bitterness“ versteht. „Speaking Bitterness“ – auf Chinesisch sùkŭ, auf Deutsch vielleicht „bitteres Sprechen“, „Bitterkeit sprechen“ oder „Bitterkeit erzählen“ – ist ursprünglich eine diskursive Praxis, die die kommunistische Partei während und kurz nach der Revolution propagierte. Im ganzen Land organisierte die Partei öffentliche Versammlungen, auf den sie Arbeiter und Bauern dazu ermutigte, über ihre persönlichen Erfahrungen von Ausbeutung und Demütigung zu sprechen, die sie unter der Herrschaft der Guomindang, also vor der Revolution, erlebt hatten. Das „Speaking Bitterness“ folgte dabei einem stets gleichen Schema: dem Erinnern an „vergangene Bitterkeit“ wurde das Frohlocken über „gegenwärtige Süße“ gegenübergestellt. Gerade diese Struktur wird auch in den Klagen der Bauern im Film immer wieder deutlich.

Das von der Partei inszenierte „Speaking Bitterness“ erfüllte mehrere Zwecke: Es diente dazu, Arbeitern und Bauern ein neues Selbstverständnis als subalterne, sozialistische Subjekte zu vermitteln und steht also in diesem Sinne für eine bestimmte Form der Subjektivierung. Darüberhinaus verschmolzen die vielen individuellen Erfahrungsberichte, die wie gesagt alle von ähnlicher Struktur waren, zu einem großen Narrativ, zu einer kollektiven Erinnerung, die als Grundlage und Bindeglied der soeben gegründeten Volksrepublik dienen sollte. Folgt man Benedict Andersons Auffassung von der Nation als „vorgesteller Gemeinschaft“ (imagined community), dann steht „Speaking Bitterness“ für die Produktion genau jener Narrative, durch die eine Nation erst entsteht.
„Speaking Bitterness“ als kulturelle Praxis ist nicht auf die 40er und 50er Jahre beschränkt, sondern hat im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder eine Rolle gespielt. So etwa während der Kulturrevolution in den berüchtigten Kritiksitzungen. „Speaking Bitterness“ hatte hier die Funktion, angebliche Konterrevolutionäre zu denunzieren. Nach der Kulturrevolution wiederum gab es eine weitere Form des „Speaking Bitterness“: Jetzt konnten Intellektuelle und Parteimitglieder, die Opfer der Kulturrevolution geworden waren, öffentlich ihr Leid klagen, unter anderem in der sogenannten Narbenliteratur. Besonders hier wird deutlich, dass „Speaking Bitterness“ immer auch die Funktion hatte, soziale Ordnung wiederherzustellen, Chaos und Kontingenz zu bannen.

Man kann sagen, dass „Speaking Bitterness“ die dominante narrative Form ist, in der und durch die moderne chinesische Zeitgeschichte artikuliert und tradiert wird. In „Dr. Ma’s Country Clinic“ kann man darüber hinaus beobachten, dass „Speaking Bitterness“ sich auch in alltäglichen, informellen Sprechakten artikuliert und Einfluss auf die Art und Weise hat, wie Menschen ihre eigenen Biographien entwerfen.

Auf der anderen Seite aber kann man auch argumentieren, dass „Dr. Ma’s Country Clinic“ eine Art Aneignung oder Subvertierung des „bitteren Sprechens“ vorführt. Denn während „Speaking Bitterness“ ja ursprünglich eine streng regulierte und kontrollierte Praxis gewesen war, bei der die kommunistische Partei bestimmte, welche Subjekte das Wort ergreifen und welche Leiderfahrungen artikuliert werden konnten, entfällt diese Kontrolle in Dr. Ma’s Wartezimmer. Bei weitem nicht alle bitteren Sprecher halten sich an das Gebot, „gegenwärtige Süße“ zu loben, sondern sie bringen vielmehr auch ihren Unmut über gegenwärtiges Unrecht zur Sprache und die Kamera registriert unterschiedslos jede Klage. Und während „Speaking Bitterness“ ursprünglich der Konstruktion einer geeinten Nation, eines Nationalkörpers diente, geht es in „Dr. Ma’s Country Clinic“ ganz simpel und buchstäblich um individuelle, einzelne Körper, die Schmerzen haben. Wenn der Film also eine Art Aneignung oder Subversion des bitteren Sprechens darstellt, dann auch und vor allem deshalb, weil er auf der Nicht-Assimilierbarkeit individuellen Leidens beharrt und den Schmerz nicht in einen Plot sozialistischer Vorhersehung aufgehen lässt.


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