IDEE

Die Filmreihe SPUREN EINES DRITTEN KINOS sondiert die verschlungenen Pfade, über
die das heutige Weltkino mit dem historischen „Dritten Kino“ in Verbindung steht. Unter dem Begriff „Drittes Kino“ werden jene vielfältigen Filmkulturen der langen 1960er Jahre versammelt, die in großer Nähe zu den Befreiungskämpfen in Lateinamerika, Afrika und Asien entstanden. Einige seiner Strömungen stellte die Filmreihe REVOLUTIONEN AUS DEM OFF im vergangenen Jahr vor. Mehr noch als das historische Dritte Kino konstituiert das postkoloniale Filmschaffen der Gegenwart ein heterogenes Feld, in ästhetischer wie in politischer Hinsicht. SPUREN EINES DRITTEN KINOS macht das Paradigma des Dritten Kinos fruchtbar, um die politischen Einsätze dieser Vielfalt hervortreten zu lassen.

Gleichzeitig setzt SPUREN EINES DRITTEN KINOS zumeist isoliert betrachtete Positionen des aktuellen Weltkinos zueinander in Beziehung. Präsentiert werden fünf Close-ups:

Der neue chinesische Dokumentarfilm gibt jenen eine Stimme, die bislang keine hatten. Wanderarbeiter und -arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen, Opfer des industriellen Wandels sind nicht länger Objekte ethnografischer Studien, sondern werden zu Subjekten ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Das unabhängige philippinische Kino, dessen Ästhetik eng mit den Möglichkeiten digitaler Filmtechnik verbunden ist, entwickelt radikale Politiken des Alltags und setzt sich gleichzeitig mit der problematischen kolonialen und postkolonialen Geschichte seines Landes auseinander.

Die neue Welle des brasilianischen Films, die im Fokus des dritten Close-up steht, entdeckt insbesondere die Armenviertel der Großstädte, die Favelas, immer wieder für sich und sucht in ihnen nach einem neuen gesamtgesellschaftlichen Selbstverständnis.

Das Kino maghrebinischer Migrantinnen und Migranten in Frankreich, das Cinéma beur, wurde in den 1990er Jahren neu definiert. Während frühe Werke Mehdi Charefs das Leben jenseits der französischen Mehrheitsgesellschaft in den Blick rückten, beschäftigen sich
die Filme der Gegenwart mit den nach wie vor ungelösten Konflikten, die sich aus dieser unveränderten Außenseiterposition ergeben.

Im letzten Close-up „Nollywood“, wie die nigerianische Videofilmindustrie sich selbst bezeichnet, hallt der lang gehegte Wunsch nach einer unabhängigen afrikanischen Filmproduktion nach. Die Dorffilme des Yoruba-Auteur Tunde Kelani stehen überdies in Beziehung zur Suche nach einem unhierarchischen Ausdruck kollektiver Anliegen im
frühen afrikanischen Kino.


Organisation & Kuratierung: